Woran arbeitest du gerade?

Im Moment bereite ich das Fachdidaktikmodul „Singen mit der Klasse“ für die PHZH vor. Ich bin dort seit zwei Jahren als wissenschaftlicher Mitarbeiter für Musik auf der Sekundarstufe 1 tätig, unterrichte «Schulpraktische Liedbegleitung»  auf dem Piano und Fachdidaktikmodule wie «Coaching im Quartalspraktikum». Ein Modul durfte ich von Grund auf neu entwickeln: «Zugänge zu populärer Musik». An diesem Thema bin ich seit fast zehn Jahren intensiv am forschen. Das ist äusserst spannend.

Das Chorprojekt mit meinem Schülerchor an der Oberstufenschule Wädenswil ist auch in vollem Gange. Es findet dieses Jahr zum 24. Mal statt. Im Juni treten die jeweils knapp hundert Schülerinnen und Schüler nach einer Probewoche an zwei Abenden auf. Das sind jeweils etwa 18 Songs, die ich und meine Kollegin Andrea Stocker arrangieren. Nächstes Jahr werden wir etwas ganz Neues in Angriff nehmen, um der Routine, die sich eingeschlichen hat zu entkommen. Wir entwickeln gerade ein interdisziplinäres Konzept für ein Kunstprojekt an unserer Schule.

Erzähl von deiner musikalischen Biografie!

Ich war an der Kantonsschule Küsnacht und habe die musische Matura abgeschlossen. Schon während dieser Zeit hatte ich Orgel-, Klavier-, Gitarren- und Sologesangsunterricht.

Anschliessend habe ich bei Bernhard Billeter am Konservatorium Zürich Orgel studiert und mit dem Lehrdiplom abgeschlossen. Es hat sich aber gezeigt, dass meine Interessen eher Richtung Klavier gehen. 

Bei Erna Ronca nahm ich Klavierunterricht – eine hervorragende Klavierpädagogin und ein wunderbarer Mensch. Den CAS «Performance Jazz Pop» an der ZHdK absolvierte ich, um mich auch in diesen Musikstilen weiterzuentwickeln. In dieser Zeit spielte ich in der Band der Sängerin und Schlagzeugerin Sabina Leone im In- und Ausland.

Nach dem Studium hat mich Andrew Bond angefragt, ob ich an der Oberstufenschule in Wädenswil Schulmusik unterrichten will, wo ich nun seit fast 20 Jahren tätig bin. Ich habe sofort zugesagt, denn mit Jugendlichen arbeite ich sehr gerne. Der Anfang war hart. Musik war in einem der vier Schulhäuser nicht etabliert und ich stand oft an. Ich habe mir alles autodidaktisch beigebracht. Doch mittlerweile gebe ich meine Erfahrung gerne an Studierende weiter. Ich studiere momentan im zweiten Semester an der PHZH und der ZHdK  «Fachdidaktik Künste Profil Musik» um mein Wissen zu professionalisieren. Die meisten Module sind sehr spannend.

In den letzten Jahren nahm ich bei Rose Ann Dimalanta Klavierstunden. Sie war Keyboarderin bei Prince, spielt jetzt bei Seven und unterrichtet an der Voice & Music Academy Zürich. Von ihren Inputs in Bezug auf Phrasing und Timing kann ich extrem profitieren. 


Jammin’ with the New Edwin Hawkins Singers & OSW- Choir, Wädenswil, Switzerland 2015 © Jean- Daniel von Lerber

Kann man dich auf der Bühne live erleben?

Ja, an der Voice & Music Academy hier in Zürich bin ich unter anderem an der „Zürich Singers Night“ als Bandleader im Einsatz. Auch bei Andrew Bond bin ich schon seit Jahren mit dabei. Ab und zu begleite ich auch den Gospelchor Langnau. Dort spiele ich vor allem Hammondorgel und Synthesizer. Ich mag die Rolle des Sidemans, das liegt mir. Aber im Moment habe ich meine Konzerttätigkeit reduziert um mich voll auf das Studium zu konzentrieren.

Welches sind deine Schwerpunkte als Schulmusiker?

Ein Schwerpunkt in meinem Unterricht ist Musikgeschichte, sowohl der klassischen wie auch der afrikanisch – amerikanischen Musik, aus der sich unter anderem die Popmusik entwickelte. Musik als sozio-kulturelles Phänomen, die historische Verortung von Musik, das Nachdenken über Ethnozentrismus, die Terminologie von Begriffen wie Musik und Rhythmus, die der europäischen Kultur entspringen und in anderen Kulturen nicht existieren zu analysieren – den Schülerinnen und Schülern also eine neue Sicht auf die Musik, sich selbst und die Welt zu ermöglichen, sie zum selbstständigen Denken anzuregen und mit ihnen zu diskutieren – all das interessiert mich sehr. Musik und Kunst findet ja nicht im luftleeren Raum statt. 

Das Klassenmusizieren ist ein weiterer Schwerpunkt. Wir sind mittlerweile sehr gut eingerichtet. Mir ist wichtig, dass Theorie immer handlungsorientiert in die Praxis umgesetzt wird. Es geht um das Erleben ästhetischer Erfahrungen. Musik und Bewegung, Bodypercussion in vielerlei Formen und der Aufbau eines Songrepertoires sind weitere Eckpfeiler meines Unterrichts. Alle diese Themenfelder greifen ineinander, überlappen sich. Es geht also um einen aufbauenden Unterricht, den ich über die Dauer von zwei Jahren konzipiert habe.

Einen weiteren Fokus richte ich auf den Chor. Ich leite ihn seit 2004 zusammen mit Andrea Stocker. Schon im Klassenunterricht legen wir Wert auf Stimmbildung. Das lohnt sich. Wenn die Schülerinnen und Schüler in den Chor kommen, sind zum Beispiel die Einsingübungen bereits etabliert. So sparen wir viel Zeit. Für die Konzerte kommt die Band dazu, welche weitgehend aus professionellen Musikern besteht. Bei einigen Songs wird der Chor jeweils von unserer Schülerband begleitet. Wir sind gut vernetzt und haben schon mehrere Projekte mit anderen Formationen in Wädenswil durchgeführt, so zum Beispiel zwei Projekte mit der Jugendmusik Wädenswil oder dem Kammerorchester und Oratorienchor Wädenswil. Dort führten wir Teile aus Georg Friedrich Händel’s Oratorium „Israel in Egypt“ auf. Ich durfte das Orchester und die beiden Chöre dirigieren – knapp hundert Sängerinnen und Sänger zwischen zwölf und siebzig Jahren. Das war für alle eine tolle Erfahrung. Der Höhepunkt war sicherlich das Jubiläumskonzert vor vier Jahren. Wir traten an zwei Abenden mit dem vierfachen Grammy Award Winner Edwin Hawkins („Oh Happy Day“)  und seinen New Edwin Hawkins Singers auf. Da trafen Weltklassemusiker auf einen Schülerchor, bestehend aus unserem damals aktuellen Chor und ehemaligen Schülerinnen und Schülern, die wir für das Projekt extra angeschrieben haben. Das war in jeder Hinsicht das komplexeste Projekt, das wir je gemacht haben: musikalisch, organisatorisch, finanziell. Es hat mich einige schlaflose Nächte gekostet – aber es hat sich gelohnt.

OSW School Youth Choir (140 kids!) singing with Edwin Hawkins and his New Edwin Hawkins Singers, Wädenswil, Switzerland 2015 © Jean- Daniel von Lerber

Hörbeispiel The New Edwin Hawkins Singers & OSW-Choir

Wenn du einen Ratschlag für Studierende hast, was würdest du fokussieren? Worauf kommt’s an?

Authentisch sein. Bei der Musik bleiben und keine Show abziehen. Die Musik gibt so viel her. Sie muss man ins Zentrum stellen. An sich arbeiten, dran bleiben, mutig sein, neugierig und offen bleiben. Die Schülerinnen und Schüler nicht unterschätzen; sie können meistens viel mehr als sie manchmal zu Beginn zeigen. Wichtig ist es, ein Klima des gegenseitigen Vertrauens zu schaffen. Das geht nur über Beziehungsarbeit. Ich nehme mich, das Fach und die Schülerinnen und Schüler sehr ernst. Ihr Vertrauen und ihren Respekt muss man sich verdienen; diese resultieren nicht aus der Tatsache, dass man eine Lehrperson ist. Man sollte nichts persönlich nehmen. Sonst wird man nicht alt in diesem Beruf. Aber wenn man wirklich Freude hat mit den Jugendlichen Musik zu machen, mit ihnen über Musik nachzudenken dann kommt ganz viel zurück. So ist die Chorwoche für mich jeweils ein Höhepunkt im Schuljahr. Wir proben gemeinsam eine Woche lang jeden Tag sechs Stunden mit den knapp hundert Jugendlichen, die alle freiwillig das Frei- und Wahlfach Chor besuchen. Mit ihnen fast ein Jahr lang an einem Projekt arbeiten zu können und zu beobachten, wie sie über sich hinauswachsen ist einfach toll! 

Welche Ziele hast du für die Zukunft?

Zuerst mal möchte ich das Studium abschliessen, meine Masterarbeit schreiben, als Dozent an der PHZH ankommen, das neue Konzept für den Chor entwickeln und mir wieder mehr Zeit nehmen fürs eigene Musizieren und Üben. Die Stelle als Schulmusiker möchte ich aber behalten. Unbedingt. Die Studentinnen und Studenten schätzen meinen Background und meine Berufserfahrung sehr. 

Und was machst du in 15 Jahren?

Soweit plane ich nicht. Ich möchte flexibel bleiben – Zeit mit meiner Familie verbringen.

Aber die guten Dinge kommen auf mich zu. Das war bis jetzt immer so. 

Hast du Vorbilder?

Ich mag den Ausdruck Vorbilder nicht so sehr. Aber Inspiration finde ich überall, sei es in der Kunst, Architektur, Literatur, im Alltag, in der Natur, im Austausch mit anderen Menschen; so zum Beispiel auch bei meinen Schülerinnen und Schülern…es öffnen sich einem immer wieder neue Sichtweisen auf die Wahrnehmung und die Interpretation der Welt. Mich interessieren klare Formen, die Reduktion, den Fokus auf das Wesentliche.

Das alles finde ich zum Beispiel im Funk. Funk ist, vereinfacht gesagt, harmonisch und melodisch reduzierte Musik; er spielt mit repetitiven Formen bei maximaler Betonung des Rhythmus. Und er hatte, wie der Soul der sechziger Jahre auch politisch und gesellschaftlich eine grosse Sprengkraft in den USA – die Musik hatte eine Relevanz. Das vermisse ich im Mainstream der heutigen populären Musik oft. Wir haben heute, „eine Explosion von Information, jedoch eine Implosion von Bedeutung“, wie es der kubanische Künstler Félix González-Torres so schön gesagt hat. Umso wichtiger ist es zu fokussieren, auszuwählen – auch im Bezug auf die Unterrichtsinhalte. Ich bin ein grosser Bewunderer von Nik Bärtsch’s Musik. Nik ist für mich einer der interessantesten Musiker der Gegenwart. Keith Jarrett fasziniert mich. Ein grosser Lyriker, der unfassbar viele Sounds aus dem Flügel herausholt. Mein absoluter Lieblingsmusiker ist aber Prince. Seine Bühnenpräsenz und sein Gespür für Dramaturgie und Timing waren unbeschreiblich. Ich habe ihn über zwanzig Mal gesehen und war drei Mal in seinen Paisley Park Studios in Minneapolis. Seine Musik begleitet mich seit über dreissig Jahren. 

Ich liebe die Fotografien und Arbeiten von Jeff Wall und Silvia Kamm- Gabathuler. Vom britischen Neurologen und Schriftsteller Oliver Sacks habe ich viele Bücher gelesen. Ebenso von Tiziano Terzani, der fünfundzwanzig Jahre lang in Asien lebte, dort unzählige Länder bereiste und seine Beobachtungen niederschrieb. Comic als Kunstform finde ich spannend; das, was zwischen zwei Panels im Kopf des Lesers und Betrachters geschieht – in den Zwischenräumen. Ich sammle seit meiner Jugend Comics.

Hast du ein Lieblingszitat?

Ein Zitat, das mir in verschiedener Hinsicht gefällt ist Samuel Beckett’s Satz:

 „Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.“ Es lässt Spielraum zur Interpretation und regt zum Nachdenken an. Und das Zitat ist sehr musikalisch – es groovt.

Mehr Fotos und Infos auf

www.zoltanszalatnay.com