In diesem Semester verfassen die Studierenden des ersten Jahres des Masterstudiums Schulmusik II unterschiedliche Texte über Musik und Pädagogik. 

Ein Text von Silvia Strebel

Wenn Musik plötzlich nach frisch geschnittenem Gras riecht oder Bewegungen hoch virtuos klingen; wenn Charaktere Farben haben und Geschmäcker Formen, dann sind wir meistens am Träumen oder in einem psychedelischen Zustand. Es gibt diese Art von Wahrnehmung aber auch im wachen Leben, ohne Drogen.
Dieses Phänomen wird als Synästhesie bezeichnet und beschreibt die Vermischung mehrerer Sinne. Etwa 4% der Bevölkerung weisen mindestens eine Form von Synästhesie auf, wobei die Graphem-Farb-Synästhesie (Wörter, Buchstaben und Zahlen als Farben wahrnehmen) am häufigsten vorkommt. Die Ausprägung und Art der Synästhesie ist von Person zu Person verschieden.

Interessanterweise ist der Prozentsatz von Synästhetikern an Kunsthochschulen deutlich höher als an wissenschaftlichen Universitäten. 

Synästhesie in der Musik

Musiker wie Olivier Messiaen, György Ligeti, Jimmy Hendrix und Billie Eilish haben alle gemeinsam, dass sie Farben sehen, wenn sie Musik spielen oder hören. Viele Komponisten erklären, dass sie in ihren Kompositionen ein bestimmtes Farbbild anstrebten und Klänge aufgrund ihres Aussehens genau so gewählt haben. Das mag für Nicht-Synästhetiker sehr wirr klingen, ergibt aber durchaus Sinn.

Für mich ist das Hören von Musik mit geschlossenen Augen deshalb viel intensiver, weil sich vor meinem inneren Auge farbige Kunstwerke abspielen. Gewisse Komponisten rufen bei mir mit ihren Kompositionen ganz bestimmte Assoziationen hervor, wobei andere Stücke schwarz bleiben.

Synästhesie im Unterricht

Viele Lehrpersonen benutzen in ihrem Unterricht Farben, um gewisse Dinge besser zu veranschaulichen. Dies mag für den grössten Teil der Schulklasse eine gute Hilfestellung sein, ist aber für Synästhetiker sehr verwirrend.

In der Primarschule werden Wortarten oft an eine Farbe gekoppelt vermittelt. So sind zum Beispiel Nomen braun, Verben blau und Adjektive gelb. Doch was geschieht nun mit den Schüler:innen, welche wegen ihrer Synästhesie andere Farben mit den Wortarten assoziieren? Für jene sind möglicherweise die Adjektive blau und die Verben rot und sie verwechseln nicht die Wortgruppen, sondern die Farben. Eine Alternative dafür wäre, die Schüler:innen ihre persönlichen Farben für die jeweiligen Wortgruppen wählen zu lassen. Gerade beim Lernen können Farben für Synästhetiker eine grosse Hilfe sein, aber nur, wenn sie individualisiert sind.

Leider wird über die Thematik der Synästhesie an den Pädagogischen Hochschulen aber noch viel zu wenig gesprochen. Dabei sind Synästetiker doch bloss Menschen, die mehr sehen, mehr hören und doch oftmals missverstanden werden.

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