Author: Bastian Ritzmann

Weniger ist mehr

In diesem Semester verfassen die Studierenden des ersten Jahres des Masterstudiums Schulmusik II unterschiedliche Texte über Musik und Pädagogik. 

Ein Text von Caesar Oetterli

Meine Begeisterung für Musik war schon immer sehr breitgefächert. Umso schwieriger war es, die Entscheidung zu treffen, ob ich Klavier oder Drumset studieren sollte – oder dann doch Orgel? «Versuchen schadet ja nicht», dachte ich und startete mein Schlagzeugstudium und die Grundausbildung zum Organisten, «einfach mal zum Ausprobieren». Aber was ist denn jetzt mit Klavier? Und eigentlich wollte ich später doch auch Klassen unterrichten? So kam es dann auch, dass ich mich nicht nur im Schlagzeugstudium, sondern zeitgleich auch in der Grundausbildung zum Organisten und im Schulmusikstudium wiederfand. 

Mir wurde klar, dass ich Abwechslung sehr schätze und gerne verschiedene Rollen in der Musik und Pädagogik einnehme. Ich genoss es sehr, während dem Studium allerlei Inhalte und verschiedenste Perspektiven zur Musik behandeln zu können. Logischerweise musste es dann auch so kommen, dass mein Einstieg in die Berufswelt genau gleich wie mein Einstieg ins Studium verläuft – statt mich auf einen Beruf zu konzentrieren, bin ich hauptsächlich als Springer für verschiedene Musikberufe tätig. 

Die grosse Hürde ist es, sich auf Abruf in die verschiedenen Rollen versetzen zu können. Springer sind ja besonders dann notwendig, wenn kurzfristig jemand benötigt wird. Und dann heisst es, innert wenigen Tagen wieder das Orgelhandwerk aufzufrischen – oder das der Klavierlehrperson – oder das des Perkussionisten im Blasorchester. 

Weniger ist mehr

Ich merkte schnell, dass ich nicht für alles gut vorbereitet sein kann. Seien das neue Situationen, oder Momente, die besonders auf Interaktion basieren. Aber trotzdem gab es einen Grundsatz, der mich bisher immer gut ans Ziel geführt hat: «Auf was kommt es an? Auf was muss ich mich konzentrieren?». 

Zielgeführt zu arbeiten wurde zu meinem täglichen Handwerk. Für mich bedeutet das vor allem, sich zu reduzieren. Es ist einfach, zu viel machen zu wollen – besonders dann, wenn man sich gerne selbst herausfordert. Weniger zu machen hat aber nicht nur Nachteile, man wird konkreter, sachbezogener und auch lösungsorientierter, denn als Springer bleibt für mehr manchmal keine Luft übrig. 

Mittlerweile wird so auch meine Herangehensweise an den Unterricht beeinflusst. Um was geht es in meiner Lektion? Welchen Kerninhalt möchte ich vermitteln? Was sollen die Schüler:innen lernen und können? Erst nachdem mir diese Grundfragen klar sind, beginne ich mit dem Gestalten des Unterrichts. Während des Unterrichts gibt mir diese Klarheit eine Stütze, um aus dem Moment heraus reagieren zu können – genau die gleiche Stütze, die mir durch die verschiedenen Situationen als Springer hilft. 

Zielgeführtes Üben, Lernziele, sich bewusst zu sein, wo man den Schwerpunkt setzen soll, all das gibt Stabilität. Auch wenn vieles im Unterricht und auf der Bühne im Moment und durch Interaktion geschieht, bleibt dieser Grundsatz ein Gerüst, an dem ich mich festhalten kann – auch wenn nicht immer alles so läuft, wie ich es gerne hätte.  

Klänge sehen, Farben hören

In diesem Semester verfassen die Studierenden des ersten Jahres des Masterstudiums Schulmusik II unterschiedliche Texte über Musik und Pädagogik. 

Ein Text von Silvia Strebel

Wenn Musik plötzlich nach frisch geschnittenem Gras riecht oder Bewegungen hoch virtuos klingen; wenn Charaktere Farben haben und Geschmäcker Formen, dann sind wir meistens am Träumen oder in einem psychedelischen Zustand. Es gibt diese Art von Wahrnehmung aber auch im wachen Leben, ohne Drogen.
Dieses Phänomen wird als Synästhesie bezeichnet und beschreibt die Vermischung mehrerer Sinne. Etwa 4% der Bevölkerung weisen mindestens eine Form von Synästhesie auf, wobei die Graphem-Farb-Synästhesie (Wörter, Buchstaben und Zahlen als Farben wahrnehmen) am häufigsten vorkommt. Die Ausprägung und Art der Synästhesie ist von Person zu Person verschieden.

Interessanterweise ist der Prozentsatz von Synästhetikern an Kunsthochschulen deutlich höher als an wissenschaftlichen Universitäten. 

Synästhesie in der Musik

Musiker wie Olivier Messiaen, György Ligeti, Jimmy Hendrix und Billie Eilish haben alle gemeinsam, dass sie Farben sehen, wenn sie Musik spielen oder hören. Viele Komponisten erklären, dass sie in ihren Kompositionen ein bestimmtes Farbbild anstrebten und Klänge aufgrund ihres Aussehens genau so gewählt haben. Das mag für Nicht-Synästhetiker sehr wirr klingen, ergibt aber durchaus Sinn.

Für mich ist das Hören von Musik mit geschlossenen Augen deshalb viel intensiver, weil sich vor meinem inneren Auge farbige Kunstwerke abspielen. Gewisse Komponisten rufen bei mir mit ihren Kompositionen ganz bestimmte Assoziationen hervor, wobei andere Stücke schwarz bleiben.

Synästhesie im Unterricht

Viele Lehrpersonen benutzen in ihrem Unterricht Farben, um gewisse Dinge besser zu veranschaulichen. Dies mag für den grössten Teil der Schulklasse eine gute Hilfestellung sein, ist aber für Synästhetiker sehr verwirrend.

In der Primarschule werden Wortarten oft an eine Farbe gekoppelt vermittelt. So sind zum Beispiel Nomen braun, Verben blau und Adjektive gelb. Doch was geschieht nun mit den Schüler:innen, welche wegen ihrer Synästhesie andere Farben mit den Wortarten assoziieren? Für jene sind möglicherweise die Adjektive blau und die Verben rot und sie verwechseln nicht die Wortgruppen, sondern die Farben. Eine Alternative dafür wäre, die Schüler:innen ihre persönlichen Farben für die jeweiligen Wortgruppen wählen zu lassen. Gerade beim Lernen können Farben für Synästhetiker eine grosse Hilfe sein, aber nur, wenn sie individualisiert sind.

Leider wird über die Thematik der Synästhesie an den Pädagogischen Hochschulen aber noch viel zu wenig gesprochen. Dabei sind Synästetiker doch bloss Menschen, die mehr sehen, mehr hören und doch oftmals missverstanden werden.

Ein Herz, zwei Leidenschaften

In diesem Semester verfassen die Studierenden des ersten Jahres des Masterstudiums Schulmusik II unterschiedliche Texte über Musik und Pädagogik. 

Ein Text von Jeanaine Oesch

Spannend, wie Pläne nie so enden, wie man sie vorgesehen hat. Im Gymnasium habe ich die zukünftige Jeanaine immer als Ernährungsberaterin in einer Praxis gesehen. Stattdessen sitze ich im Toni Areal neben meinem Kontrabass. Auf meiner To-Do Liste ist der Punkt „Lektionen vorbereiten“ noch abzuhaken. 

Im Bachelor hatte ich den Fokus auf Jazz Kontrabass. Da es nicht unendlich viele Jazz Bassistinnen und Bassisten an der ZHdK gibt, wurde ich oft für Workshops und Gigs angefragt. Schnell musste ich auch lernen „nein“ zu sagen, da ich während dem Studium auch noch eine Stelle an einer Primarschule als Musiklehrerin angenommen habe und meine Kapazität eingeschränkt war.       
Im 3. Bachelorjahr habe ich den Fokus auf mein Projekt „Jeanaine Jarret“ gelegt und habe die Freude an meiner eigenen Musik mit meiner Band gefunden. 
Nun bin ich im Schulmusik Master und merke, dass das Studium viel Zeit in Anspruch nimmt. 

Die Freude am Unterrichten wächst mit jeder Lektion, die ich geben darf. Musik zu vermitteln ist schön, vor allem wenn von den Schüler:innen etwas zurück kommt. Sei es eine Primarklasse oder eine Gymnasialklasse, in jeder Altersstufe gibt es viele Momente in denen ich denke: „Deshalb mache ich das, was ich mache!“ Den Schüler:innen zu zeigen, was mich selber in der Musik bewegt und fasziniert ist ein Geschenk. Ich erlebte vor Kurzem eine coole Situation. Als ich am Ende einer Lektion mit der 4. Klasse war, kamen zwei Jungs zu mir und haben mich gefragt, ob ich die Backstreet Boys kenne. Wow! Es war auf eine Art lustig, dass mir von 10-jährigen Jungs diese Frage gestellt wurde und nicht umgekehrt. Im Moment singen wir „I Want It That Way“ und die 4. Klasse geht dazu ab. Goldwerte Momente als Musiklehrerin! 

Die zweite Welt, in der ich mich bewege, ist das Leben als Musikerin. Auf der Bühne zu stehen und die Leute emotional zu berühren ist etwas vom Schönsten für mich. Wenn ich mit meiner Band meine eigenen Songs spiele und singe, wird es mir warm ums Herz. Es kommt von meinen Mitmusikern so viel Energie zurück und es bringt mich in jeder Probe weiter, wenn von ihnen Inputs kommen, welche die Songs stärken. Wir sind zurzeit an einer EP daran. Es ist eine intensive Zeit für mich, neben dem Studium meine eigene Musik aufzunehmen und alles zu organisieren. Jedoch lerne ich sehr viel dabei und obwohl es anstrengend ist, gibt es mir Mut und Kraft.

Foto: Raphael Schaller

Als Musikerin und Musiklehrerin zugleich fühle ich mich teils hin- und hergezogen. Einerseits möchte ich so oft es geht auf der Bühne stehen und Musik machen. Andererseits möchte ich mich als Musiklehrerin weiterentwickeln und viele Lektionen unterrichten. Klar, kann man es sich aufteilen. Was aber, wenn ständig Anfragen für Konzerte kommen oder eine tolle Stelle offen ist? Man muss anfangen, Prioritäten zu setzen. Oft fällt es mir schwer, die – für mich – richtigen Entscheidungen zu treffen. 

Ich möchte in der Gegenwart, aber auch zukünftig, ein Mittelmass für meine beiden Berufe finden und freue mich auf viele weiteren Konzerte und Musiklektionen, die ich geben darf! 

Streichquartett als Passion

In diesem Semester verfassen die Studierenden des ersten Jahres des Masterstudiums Schulmusik II unterschiedliche Texte über Musik und Pädagogik. 

Ein Text von Demian Herzog

Es war für mich schon immer sehr wichtig, Musik gemeinsam zu praktizieren. Das Üben im stillen Kämmerchen gehört zwar zum Musikerleben, aber schon als Jugendlicher habe ich es geliebt in Ensembles, Orchestern und Bands zu spielen.
Ich hatte das Privileg schon früh Kammermusikerfahrungen zu sammeln und in verschiedensten Formationen klassische Musik zu spielen. 

Erst 2019 habe ich realisiert, wie wertvoll es für mich ist, Teil einer festen Gruppe mit Engagement und Passion zu sein. Zusammen mit Gregor Hänssler, Emanuele Zanforlin und Milena Umiglia haben wir ein Streichquartett gegründet – das «Modulor Quartett».
Das Streichquartett war für mich schon immer die Königsklasse der Kammermusik. Das Repertoire ist unerschöpflich, wunderbar und die Farben und Ausdrucksweisen sind sehr vielseitig.

Schon zu Beginn unserer Zusammenarbeit spürte ich, dass die Atmosphäre, das Soziale und die Motivation sehr stimmig sind. Alle können etwas zum Probeprozess beitragen und bringen eigene Ideen und Stärken mit. Ich wurde aber auch stark gefordert, da das Niveau und die Erwartungen hoch sind.

Wir haben viel geprobt und Konzerte gespielt, u.a. an den St. Galler Festspielen 2019. Die Corona Zeit haben wir genutzt, um Aufnahmen zu machen, unser Repertoire zu erweitern und Wettbewerbe zu spielen. Wir freuen uns auf die weitere Zusammenarbeit und auf kommende Konzerte bei Festivals wie 4seasons und Adelboden.

Was es für mich als Schulmusiker bedeutet:

Es ist nicht immer einfach ein Vollzeitstudium zu absolvieren und nebenbei weiterhin das künstlerische Niveau zu halten oder sogar zu erhöhen. Es braucht viel Selbstdisziplin und Aufopferung. Gerade wenn keine Prüfungen oder Rezitale mehr anstehen und eine Pandemie Auftrittsmöglichkeiten verunmöglichen, ist es schwierig dranzubleiben.

Das Quartett ist daher unglaublich wichtig für mich. Es motiviert mich, fordert mich künstlerisch heraus, gibt mir einen Nebenverdienst und hält mein Level auf Stand. 
Es ist mir wichtig, mich als Künstler identifizieren zu können und nicht nur als Lehrer.
Somit hoffe ich, dass wir als Quartett noch lange zusammenspielen.

Ein vergessener Komponist, ein Masterprojekt und Corona.

In diesem Semester verfassen die Studierenden des ersten Jahres des Masterstudiums Schulmusik II unterschiedliche Texte über Musik und Pädagogik. 

Ein Text von Noemie Hunziker

Die russische Klaviermusik der Romantik begeistert mich schon seit Jahren. Diese Musik zieht mich mit ihrer Dramatik und ihrem emotionalen Gehalt immer wieder in ihren Bann. Die Dichte, die Vollgriffigkeit, die endlosen Melodien mit oft schwermütigem Ton – dies alles ist dem klassischen Publikum vor allem von Komponisten wie Rachmaninoff bekannt. 

Im Rahmen meines Masterprojektes für meinen Klavier-Pädagogik Abschluss machte ich mich auf die Suche nach vergessenen Komponisten der russischen Romantik. In der Hoffnung, jemanden zu finden, dessen Musik mich ebenso fesseln würde wie diejenige von Rachmaninoff, wurde ich in folgendem Namen fündig: Nikolai Medtner.

Nikolai Medtner

Medtner wurde am 5. Januar 1880 in Moskau geboren. Seine Mutter stammt aus der bekannten, ursprünglich deutschen Musikerfamilie Goedicke-Gebhard. So kam er von klein auf in Kontakt mit Musik. Er studierte in seiner Jugend Klavier bei namhaften Pianisten wie Pavel Pabst (Schüler von Liszt) und schloss seine pianistische Ausbildung mit der höchsten Auszeichnung ab. Medtner war für seine technischen und interpretatorischen Fähigkeiten berühmt. Bei seinen zahlreichen Konzerten begeisterte er das Publikum mit den damaligen ‚Hits‘ – Beethovens Appassionata-Sonate war sein meistgespieltes Werk.

Als Medtner selber mit dem Komponieren begann, wurde es zu seinem Ziel, seine pianistische Reichweite dazu zu nutzen, um seine eigene Musik bekannt zu machen. Er spielte immer seltener Werke anderer Komponisten und gab viele sogenannte ‚Komponistenabende‘, bei welchen er nur seine eigene Musik spielte. Medtner hielt nichts von der neu aufkommenden künstlerischen Avantgarde. Er hielt stets an der Lehre der traditionellen klassischen Musik fest, was in seinen Werken deutlich zu hören ist. Man kann wohl sagen, dass er einer der letzten Romantiker war. 

Nach dem ersten Weltkrieg begann für ihn eine sehr schwere Zeit. Er emigrierte 1921 nach Deutschland, in der Hoffnung, dort seine Kompositionen etablieren zu können. Als Ausländer, der ‚veraltete‘ Musik komponierte, erwies sich dies jedoch als sehr schwierig. So wollte er, sobald es möglich würde, nach Russland zurückkehren. Die Sehnsucht nach seiner Heimat ist in seinen Kompositionen stark spürbar. Sie ist voll von russischen Volksmelodien und dem typischen russischen Pathos.

S. Rachmaninoff mit N. Medtner

Medtner und seine Frau kamen mit den wenigen Konzerten, die er in Deutschland geben konnte, nur knapp über die Runden. Umso mehr waren sie dankbar, dass ihr guter Freund Rachmaninoff sie mehrmals finanziell unterstützte. Rachmaninoff hielt sehr viel von Medtners Oeuvre – seiner Meinung nach war Medtner einer der grössten Komponisten seiner Zeit. Er war es auch, der für Medtner eine Tournee in Amerika organisierte. 

In Amerika wollte das Publikum vor allem berühmte Werke hören. Medtner hatte nur wenig Interesse daran, die altbekannten Werke von Beethoven etc. wieder einzuüben. Er wollte vor allem seine eigene Musik bekannt machen. Widerwillig musste er aufgrund der Verträge trotzdem Konzerte geben, die ihn als Pianisten zwar berühmt machten, ihn jedoch in seinem Ziel, seine Kompositionen zu etablieren, unbefriedigt liessen. Nach einigen Umwegen führte seine Reise ihn 1935 schlussendlich nach England, wo seine Musik von Kennern gefeiert wurde und bis heute einigermassen bekannt geblieben ist, auf jeden Fall mehr, als dies bei uns der Fall ist. 

Medtner erschuf mit seinen ‚Märchen‘ ein neues pianistisches Genre, in welchem man besonders die Hingabe für sein Heimatland Russland spürt. Neben zahlreichen solcher ‚Märchen‘ komponierte er 14 Klaviersonaten, 3 Klavierkonzerte und einige kammermusikalische Werke. Typisch für seine Musik ist die Monothematik – er liebte es, aus einem einzigen Thema so viel wie möglich herauszuquetschen. Seine virtuos-kontrapunktische Handschrift ist in keinem Werk zu überhören, seine Musik sprudelt nur so von aussergewöhnlicher rhythmischer Virtuosität. 

Medtners Musik sowie auch seine Geschichte faszinieren mich. Deshalb entschied ich mich dazu, mein Abschlussrecital im Juni 2020 mit seinen Werken zu gestalten. Ich wählte die Stücke so aus, dass möglichst alle Facetten seines Schaffens gezeigt werden konnten. Die Corona-Krise zwang mich dazu, mein Recital ohne Publikum spielen zu müssen. Ich wollte das Programm aber unbedingt an die Öffentlichkeit bringen, da Medtners Musik viel zu wenig gespielt wird und dadurch nicht die Bekanntheit geniesst, die sie verdient hätte. So liess ich das Projekt filmen und bin im Nachhinein froh über diese Möglichkeit, die sich durch Corona ergeben hat. Denn nun wurde dieses Programm vermutlich schon von viel mehr Menschen gehört, als wenn ich es an ein paar Abenden live vor Publikum gespielt hätte. 

Quelle Bild 1: https://www.classicalmusicnews.ru/signdates/nikolai-metner/

Quelle Bild 2: https://www.russianartandculture.com/glazunov-medtner-and-tchaikovsky-open-the-pushkin-house-music-festival/

Von der Schönheit der Verunsicherung

Letzthin habe ich etwas getan, was ich viel zu selten tue: Ich habe meinen Schülerinnen und Schülern erklärt, warum ich etwas thematisiere und was sie dabei lernen können. 

Viel zu selten stelle ich mir diese Fragen. Warum liegt mir dieses Thema am Herzen? Was lehrt uns dieser Gegenstand? Oder in der pathetischeren Version: Was lernen sie in dieser Lektion fürs Leben, für die Zukunft? 

In besagter Lektion ging es um ein 12/8 Afro Cuban Bell-Pattern. Ich finde es spannend, wie unser europäisches Rhythmusgefühl komplett versagt, wenn wir uns mit afrikanischen Rhythmen beschäftigen. Wir haben also untenstehendes Pattern mit verschiedenen Schrittfolgen kombiniert und die zwölf Schläge mal in vier, sechs oder drei Päckli aufgeteilt. Jedes Mal wirkt das Muster komplett neu und anders strukturiert. 

Die Idee für die Kombination des Bell-Pattern mit den Schrittfolgen habe ich von Claudia Pachlatko-Barth übernommen.

Das war eine Herausforderung. Es ist schon schwierig genug, dieses Bell-Pattern mit einer Schrittfolge zu kombinieren. Wenn man die Schritte danach wechselt, ist man wieder auf Feld Eins. Man kann nicht an das vorher Gelernte anknüpfen, das vertraute Bell-Pattern wirkt wieder wie eine unüberwindbare Hürde. Das verunsichert und irritiert. 

Für mich liegt in dieser Irritation liegt die ganze Kraft. An eine Wand zu stossen, die vorher nicht da war, dieses Gefühl ist eine zutiefst menschliche Erfahrung. Das Kleinkind, das eben noch stolz die ersten Schritte vorgeführt hat, stolpert über die Zimmerschwelle. Oder globaler: Eine Gesellschaft, die eben noch grenzenlose Mobilität gepredigt hat, befindet sich plötzlich im Lockdown. Es geht nicht mehr so wie vorher. Das nervt, das irritiert! 

Die Irritation war Treibstoff für Revolutionen und Mondraketen, sie hat Kunst, Erkenntnis und Biografien geprägt.

Aus diesem Gefühl der Ohnmacht entsteht Neues. Irgendwann mal war jemand genug genervt vom Anschieben schwerer Transportschlitten, sodass er das Rad erfand. Die Irritation war Treibstoff für Revolutionen und Mondraketen, sie hat Kunst, Erkenntnis und Biografien geprägt. 

Und so erklärte ich meiner Klasse, dass es meine Aufgabe als Lehrer sei, sie immer wieder zu irritieren und ihr Gleichgewicht zu stören. Auf diese Weise müssen sie ihre festgefahrenen kognitiven Muster hinterfragen und versuchen, selbst ein neues Gleichgewicht herzustellen. Der Entwicklungspsychologe Jean Piaget hat diesen Prozess als «Äquilibration» beschrieben (1)

Hier das 12/8 Bell Pattern, in Kombination mit einer 4er-Unterteilung

Mir hat es imponiert, mit wie viel Gelassenheit meine Schülerinnen und Schüler sich auf meine Irritationen eingelassen haben. In ihrem Alter sind sie sich gewohnt, Neues auszuprobieren, alte Strukturen zu hinterfragen und die Grenzen neu auszuloten. Mir wurde wieder einmal bewusst, was für ein Privileg es ist, mit Jugendlichen zu arbeiten, und mit ihnen gemeinsam aufs Neue die Welt wieder ins Gleichgewicht zu bringen. 

Aber auch die Jugendlichen haben ein grosses Privileg: Sie dürfen und müssen uns Lehrpersonen immer mal wieder aus dem Gleichgewicht werfen und erkennen, dass auch unsere Schlösser teilweise nur aus Sand gebaut sind. In den Momenten, wo wir gemeinsam wieder ein neues Gleichgewicht suchen, da passiert wirklich Bildung – für meine Schülerinnen und Schüler und für mich.  

(1) https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%84quilibration

Interview mit Andrew Bond

In diesem Semester verfassen die Studierenden des ersten Jahres des Masterstudiums Schulmusik II unterschiedliche Texte über Musik und Pädagogik.

Ein Text von Michael Baumann.

Mitte April hatte ich die Gelegenheit, mich mit Andrew Bond auszutauschen. Der 56-jährige Kinderliedermacher ist bei der jüngeren Generation schweizweit bekannt. Viele seiner Songs sind mittlerweile Kult. Bekannt wurde er durch seine ersten CDs “Zimetschtern han i gern” und “Suneschtraal tanz emaal”. Mittlerweile ist er Inhaber des “MärliMusicalTheater” in Wädenswil.

Ursprünglich hat Andrew Theologie studiert. Im ersten Semester seines Studiums wurde er von der Sekundarschule Wädenswil für eine Stellvertretung in Religion angefragt. Bald darauf war er dort als Religionslehrer tätig und wurde zwei Jahre später zusätzlich als Musiklehrer angestellt. Aus einem Vikariat wurden 17 Jahre Musikunterrichten. Andrew hat diese Zeit sehr genossen und bezeichnet sie als ein Highlight in seinem Leben. Im Gespräch erzählt er mir zahlreiche Anekdoten, die seinen Unterricht charakterisiert haben und gibt mir einiges von seiner Erfahrung weiter, was für mich als angehenden Schulmusiker sehr inspirierend war.

Was machen wir eigentlich hier?

Für Andrew war klar: In seinem Unterricht geht es um Musik. “Musik ist enorm wichtig im ganzen Leben. Kein Film ohne Musik, im Warenhaus läuft Musik, du hörst Musik beim Autofahren etc. Je mehr du davon verstehst, desto besser.” Für die wirklich relevanten Fragen im Leben eines Teenagers gäbe Musik viel mehr her als z.B. Verben konjugieren im Franz. Die Schüler*innen zu spüren und dort abzuholen, wo sie mit ihren Interessen momentan stehen, sei deshalb der Schlüssel zu einem intrinsisch motivierten Musikunterricht. Als Lehrperson sollte man sich fragen, wo die Musik relevant im Leben der einzelnen Schüler*innen ist. Das muss nicht immer eine Band, sondern kann auch ein Song aus einem Film, der Jingle der Champions League oder ein Song aus dem FIFA-Game sein.

Diese bereits bekannte Musikwelt nennt Andrew scherzhaft “Pizza Margherita”. Jeder mag Pizza, doch die besten Pizzakenner seien diejenigen, die auch eine Quattro Staggioni, eine Funghi oder eine Hawaii probiert hätten. So sah es Andrew als seine Aufgabe, den musikalischen Horizont seiner Klassen zu erweitern, nachdem er sie dort abgeholt hatte, wo sie gerade waren. Gleichzeitig hätte aber jeder das Recht, ein Leben lang dieselbe Pizza zu essen, ohne dass man ihm vorwerfen könnte, er möge weniger gern Pizza. Das sei künstlerische Arroganz. 

Das Interesse wecken

Doch wie entfacht man das Interesse von Jugendlichen? Oft wissen diese ja selbst nicht so genau, wo und weshalb Musik in ihrem Leben relevant ist. Bei der Liedauswahl hat Andrew deshalb immer darauf Wert gelegt, dass sich die Songs inhaltlich mit Fragen oder Gefühlen auseinandersetzen, welche die Schüler*innen auch beschäftigen. Ist einmal klar, um was es in einem Song eigentlich geht, oder unter welchen gesellschaftlichen Umständen dieser entstanden ist, entsteht ein emotionaler Bezug dazu. Ein Song wird so relevant, weckt Interesse und fördert schlussendlich die musikalische Bereitschaft der Jugendlichen.

Beiträge waren ein weiteres Mittel, dass Andrew gerne im Unterricht einsetzte. Diese waren freiwillig und konnten über ein beliebiges Thema gehalten werden. So konnten die Schüler*innen ihre Note aufbessern und gleichzeitig ihre persönlichen Interessen vertiefen.

Was macht eine gute Lehrperson aus?

Klar hatte Andrew in seiner Zeit als Sekundarlehrer auch schwierige Schüler*innen, die unmotiviert waren oder den Unterricht gestört haben. Oft seien aber genau die verhaltensauffälligen Schüler*innen diejenigen, die in der Musik ein besonderes “Feuer” mitbrächten, meint Andrew. Dennoch seien klare Regeln und Bestimmtheit wichtig. “Ich war ein strenger Lehrer.”, erzählt er. Wenn man etwas ansagt, müsse man dies auch durchziehen. “Die merken nach zwei Minuten, ob du es ernst meinst oder nicht.”, sagt er. 

Doch didaktische Methoden und fachliche Kenntnisse seien nur ein kleiner Teil vom GanzenFür Andrew ist deshalb der Schwerpunkt der Pädagogischen Hochschulen viel zu stark auf den fachlichen Inhalten und auf deren Vermittlung “von Kopf zu Kopf”. Viel entscheidender für einen guten Musikunterricht sei aber die Fähigkeit, die Klasse abzuholen und zu begeistern, Ruhe und Sicherheit auszustrahlen und in allem was man tut, authentisch zu sein.

Schule minus Musik

Zum ersten Mal in meiner 12-jährigen Tätigkeit als Schulmusiker zerfällt mein Beruf in zwei Bereiche, die sich nicht mehr vereinen lassen: In Schule und Musik.

Schule geht noch. Auch von zuhause aus, mit meinem Laptop, einem Mikrophon und einem E-Piano. Schule geht auch, wenn die Reaktion meiner Schülerinnen und Schüler nur aus Kurztexten besteht (oder im Falle meiner Maturaklasse aus Selfies, die wir als Ritual am Montag morgen in den Klassenchat stellen). Das Lehren (und das Lernen) haben sich massiv verändert. Wir sind mitten in einem Prozess, in dem viele Grundfesten des Unterrichtens neu verhandelt werden. Was mit offenen Unterrichtsformen, Digitalisierung und Individualisierung begonnen hat, wird nun turbomässig beschleunigt. Als Lehrperson bringe ich ein Angebot. Das ist schon länger so. Aber ob und auf welche Art meine Schülerinnen und Schüler dieses Angebot nutzen, kann ich in Zeiten von distant learning fast nicht mehr beeinflussen. Zwei grossen Stützen meiner Autorität sind (zumindest für den Moment) abgesägt worden: Die soziale Kontrolle und die Benotung von Leistungen.

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