Ein Gastbeitrag von Xenia von Werra, SMI-Studentin der ZHdK

Aufgewachsen zwischen klassischem Klavier, Strassenmusik im Süden und Rock’n’Roll Musik wurde wohl mein Leben geprägt und geformt.

Seit früher Kindheit brenne ich für die Musik der 60er/70er Jahre. Sie lief damals in unserem Haus auf- und abwärts. Dies beeinflusste mich und wurde schon früh zu einem wichtigen Teil meines Lebens. 

Mit meiner etwas unkonventionellen Familie ging es im Sommer jeweils nicht in die „gewöhnlichen Ferien“, sondern nach Südfrankreich (wo mein Grossvater wohnte), um als Familienband auf der Strasse aufzutreten. Diese Erfahrung (ich war ca. 9 Jahre alt und die Frontsängerin der Strassenband) war einfach fantastisch und ist mir noch heute in bester Erinnerung. Zuhause übte mein Vater, seit ich mich erinnern kann, täglich viele Stunden klassisches Klavier. Es war eine sehr vielseitige und musikerfüllte Kindheit.

Mit 15 begann ich dann, nach vielen Jahren Querflöten-Unterricht, Klavier zu spielen, denn ich wusste schon damals, dass ich Musikerin werden will.

Wegen einer Stimmband-Krise während meines Studiums in Luzern begann ich schliesslich, mir das Gitarrenspielen beizubringen, da mir das Singen für ein Jahr untersagt wurde. Das waren ziemlich schwere Zeiten, aber ab da gehörte die Gitarre wie auch das Klavier zu mir als Musikerin.

Als ich nach meinem Bachelor-Abschluss froher Aussicht war, wusste ich, dass es Zeit wird, mir Gedanken zu machen, von was ich in Zukunft leben werde. Nach einigen Stellvertretungen an der Sek 1 und am Gymnasium war ich angebissen von dem vielseitigen und spannenden Berufsfeld Schulmusik und begann bald darauf Schulmusik 1 an der ZHdK zu studieren.

Seit Sommer 2019 arbeite ich als Musiklehrerin, Orchesterleiterin und Chorleiterin an der Rudolf Steiner Schule in Winterthur. Die Arbeit gefällt mir wunderbar, da ich nebst musikalisch sehr begabten Schülern auch täglichen Herausforderungen sozialer Herkunft begegne.

60 Teenager singen zusammen im Chor bzw. spielen zusammen im Orchester / der Band. Das ist schon eine grosse Herausforderung. Im Co-Working suchen wir dauernd nach Verbesserungen, damit der Unterricht reibungslos stattfinden kann. Denn eines ist klar: es ist unglaublich viel Potenzial vorhanden. Aber wie bändigt man einen so grossen Haufen bissiger Teenager?

Zuerst einmal wird nach einer einschneidenden Disziplin verlangt. Nicht meine Stärke, muss ich an dieser Stelle zugeben, aber eine super Übung für das ganze Leben (auch ausserhalb des Klassenzimmers).

Dann muss man all die Namen lernen, die Bedürfnisse erkennen und einbeziehen. Gerade an unserer Schule ist das ein sehr wichtiger Punkt, da es wirklich sehr viele und unterschiedliche Niveaus und Bedürfnisse gibt. Von Klassik- über Jazz-Liebhabern bis hin zu jungen Rockern und solchen, die eben gar nichts mit Musik anfangen können.

Und dann muss man das richtige Mass finden zwischen strenger, autoritärer Erziehungsarbeit und der Aufgabe, die riesige Freude an der Musik, die wir in uns tragen, den SuS weiterzugeben. Ziel der ganzen Übung ist es meiner Meinung nach, ein eigenes, funktionierendes Rezept zu entdecken, wie man die SuS abholen und ausbilden kann.

Deswegen haben wir uns mit der Schulleitung besprochen und erreicht, neu auch eine Pop/Rock/Funk/Jazz Band einzuführen. Es ist wichtig, dass auch dieser Teil der Musik in der Schule gefördert wird. Ich finde, dies ist genau so wichtig wie das Fördern der Orchesterarbeit und der klassischen Musik. Als dann Tag X kam und wir das neue Konzept vorstellen durften, war die Begeisterung gross. Nach vielen Jahren mit überwiegend klassischer Erziehung öffnet sich plötzlich das Spektrum.

Die Kinder waren extrem erfreut. Was mich natürlich sehr freute. Und das ist einer der Gründe, warum ich diesen Beruf so schätze. Man kämpft, man zittert und man schwitzt und dann gibt es plötzlich so einen Moment. Alle singen wunderschön oder strahlen aus tiefstem Herzen und dann macht sich alles andere bezahlt. Nach den Ferien starten wir das neue Konzept. Ich bin gespannt, was herauskommen wird.

Ein weiterer Teilbereich meiner pädagogischen Arbeit ist mein 60er / 70er Jahre Ensemble.

Ich habe es vor drei Jahren gegründet, damals mit sechs Sängerinnen, die meine Begeisterung für diese wunderbare musikalische Epoche teilten. Seither ist das Projekt ein Selbstläufer, der nur über Mund-zu-Mund Propaganda stetig wächst und sich weiterentwickelt.

Immer dienstags um 19:00 treffen wir uns im Primarschulhaus zur Probe. Von den Beatles über die Stones bis hin zu Pink Floyd und the Doors wird nichts ausgelassen. Wir singen 2 – 4 stimmige Arrangements, die ich meist selber schreibe. Ende Semester gibt es immer ein Konzert in einem Café, einer Bar oder sogar auf der Strasse.
Mehrstimmig singen, wie gerade damals sehr üblich, ist etwas, dass mich unglaublich berührt. Die Freude und der Flow, der aufkommt, wenn eine Gruppe Menschen nicht mehr und nicht weniger macht, als gemeinsam wohlklingende Klänge mit der Stimme zu erzeugen, ist faszinierend und erfreut mich jede Woche wieder aufs Neue. 

Dieses Video gibt einen kurzen Einblick in eines der ersten Konzerte mit dem Ensemble:

Strassenmusik 60er/70er Jahre Ensemble Winterthur

Natürlich gibt es auch noch die Bühnenmusikerin in mir. Ich hatte vor der Geburt meiner Tochter ein tolles Soloprojekt mit einer Wahnsinnsband gegründet und wollte ziemlich Gas geben. 

Seit der Geburt meiner Tochter, ist dieser Teil aber leider nebst Studium und Arbeiten und natürlich Zeit mit meiner Tochter verbringen einfach zu kurz gekommen.

Kreativ zu sein, Songs zu schreiben und Gigs zu organisieren ist eine ziemlich zeitintensive Arbeit. Ausserdem habe ich ziemlich hohe Ansprüche an mich selber, weshalb ich nur mit eigenem Material, das mich vollkommen überzeugt, an die Öffentlichkeit gehe. 

Natürlich ist ein Wiedereinstieg geplant. Genaue Form und Idee sind noch in Arbeit. 

Einen kleinen Einblick in mein bisheriges musikalisches Schaffen gibt es hier:

Auf meiner Webseite finden sich weitere Infos zum Chor.

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