Im Rahmen der Tagung Künste in der Bildung trafen sich am 3. und 4. November Pädagoginnen und Pädagogen aus Musik, Kunst und Theater um über ästhetische Urteile und ihre Bezugssysteme nachzudenken.

In Workshops, Referaten, künstlerischen Einblicken und Tischrunden wurden die Teilnehmenden mit ihrem eigenen ästhetischen Urteilsvermögen und der Frage nach seiner Entstehung konfrontiert. Für die Reflexion über sinnliche Wahrnehmung wurde versucht, ein gemeinsames Vokabular herauszuarbeiten. So ist der Begriff Geschmack paradox, da er auf die subjektive Grundlage ästhetischer Werturteile verweist und gleichzeitig allgemeine Gültigkeit beansprucht (Stichwort: guter Geschmack). Als soziologische Kategorie ist der Geschmack bei Pierre Bourdieu, durch soziale Herkunft und Bildung geprägt, der feine Unterschied in einer nur scheinbar gleichberechtigten Gesellschaft, in der soziale Gruppen sich über ästhetische Vorlieben definieren. Bourdieus Untersuchung des französischen Bildungswesens führte zu konkreten Reformvorschlägen. 1)Der damalige Staatspräsident Francois Mitterand bat Bourdieu 1985 um Reformvorschläge. Bourdieau fordert eine praxisorientierte Schulpädagogik, einen Wechsel von Lernort und Lernart und die Einladung von Künstlerinnen und Künstlern an Schulen. Vermittlung müsse an die Habitusformen der Schülerinnen und Schüler anknüpfen und diese weiterentwickeln. Davon wurde u.a. im Workshop: “Geschmack und ästhetisches Urteil bei Bourdieu und in der aktuellen Soziologie” bei Prof. Dr. Ulf Wuggenig gesprochen.

Daybreak von Maxfield Parrish, 1922
Kitsch in der Kunst (nach Dwight Macdonald)

Besonders in der Pädagogik ist die Frage nach dem Geschmack spannend: Wie wird ästhetisches Urteilsvermögen gelernt und wie kann man es lehren? Wie lässt sich über Geschmack streiten? 2)„Der ästhetische Streit, der als Methode in der Musikpädagogik bekannt ist, gibt den Schüler_innen ein Werkzeug an die Hand, mittels argumentierendem Sprechen über Musik, in einen differenzierten Dialog zu treten. Somit erhalten Teenager die Chance, ihre Ins and Outs überdenken zu können.“ In: Frischknecht, Ruth / Villiger, Judit (2017): Begrüssung und Einführung. URL: https://blog.zhdk.ch/kidb/archive/tagung-2017/ [Stand: 13.11.17].

Inwieweit lasst Ihr als Lehrpersonen euren eigenen Geschmack einfliessen? Wie weit lässt man sich auf den Geschmack der Schülerinnen und Schüler ein, ohne anbiedernd zu wirken und Beliebigkeit zu vermeiden?

Als Denkanstoss können folgende Fragen dienen 3)Die Fragen formulierten Ruth Frischknecht und Judit Villiger in Anlehnung an die Fragebögen von Max Frisch, um gedankliche Räume zu öffnen. „Frisch hat in seinen Tagebüchern, die er 1966-1971 veröffentlicht hat, sich selbst und die Lesenden nach Haltungen zu grossen Lebensthemen wie
Humor, Heimat, Ehe, Tod oder Geld befragt. Wir erweitern diese motivische Reihe heute um den Begriff des Geschmacks.“ In: Frischknecht, Ruth / Villiger, Judit (2017): Begrüssung und Einführung. URL: https://blog.zhdk.ch/kidb/archive/tagung-2017/ [Stand: 13.11.17].

1) Wie lange setzen Sie sich mit Kunstwerken auseinander, die ihnen nicht zusagen?

2) Gibt es Ihrer Meinung nach eine Musik, die als Grundlage aller Musiken angesehen werden kann?

3) Teilt jemand mit Ihnen diese Meinung?

4) Wünschen Sie sich manchmal, einen anderen Geschmack zu haben?

5) Stricken Sie?

6) Wie würde sich Ihr ästhetisches Urteil in der Einsiedelei verändern?

7) Sind sie offen gegenüber Schüler_innen, wenn Sie deren Style völlig uninteressant finden?

8) Gibt es Ihrer Meinung nach einen aktuell gültigen Bildkanon, der als Grundlage angenommen werden kann? Wer unterstützt diese Haltung?

9) Bei welchen Gelegenheiten lernen Sie das, was Ihre Schüler_innen in der Freizeit zeichnen, kennen?

10) Wie reagieren Sie auf die Einladung zu einem DJ-Bobo-Konzert?

11) Beschäftigen Sie sich mit den Bildern, die von Jugendlichen bevorzugt werden?

12) Würden Sie jemandem ein Designstück schenken, von dessen ästhetischen Qualität Sie nicht überzeugt sind, das aber der beschenkten Person unendliche Freude bereiten würde? Warum?

Wenn Ihr mehr über die Inhalte der Tagung erfahren möchtet, könnt Ihr im Tagungsarchiv einige Beiträge nachlesen.
Auf MAX informieren wir Euch über zukünftige Veranstaltungen der Reihe Künste in der Bildung.

Und wenn Ihr selbst etwas zum Thema sagen möchtet oder schon mal auf einem DJ-Bobo-Konzert wart, schreibt einen Kommentar oder eine Mail an uns.


Kitsch im Musikvideo: Die Tempelszenen von Michael Jackson und Lisa Marie Presley ab Sekunde 17 sind eine Referenz an Daybreak von Parrish.

References   [ + ]

1. Der damalige Staatspräsident Francois Mitterand bat Bourdieu 1985 um Reformvorschläge. Bourdieau fordert eine praxisorientierte Schulpädagogik, einen Wechsel von Lernort und Lernart und die Einladung von Künstlerinnen und Künstlern an Schulen. Vermittlung müsse an die Habitusformen der Schülerinnen und Schüler anknüpfen und diese weiterentwickeln. Davon wurde u.a. im Workshop: “Geschmack und ästhetisches Urteil bei Bourdieu und in der aktuellen Soziologie” bei Prof. Dr. Ulf Wuggenig gesprochen.
2. „Der ästhetische Streit, der als Methode in der Musikpädagogik bekannt ist, gibt den Schüler_innen ein Werkzeug an die Hand, mittels argumentierendem Sprechen über Musik, in einen differenzierten Dialog zu treten. Somit erhalten Teenager die Chance, ihre Ins and Outs überdenken zu können.“ In: Frischknecht, Ruth / Villiger, Judit (2017): Begrüssung und Einführung. URL: https://blog.zhdk.ch/kidb/archive/tagung-2017/ [Stand: 13.11.17].
3. Die Fragen formulierten Ruth Frischknecht und Judit Villiger in Anlehnung an die Fragebögen von Max Frisch, um gedankliche Räume zu öffnen. „Frisch hat in seinen Tagebüchern, die er 1966-1971 veröffentlicht hat, sich selbst und die Lesenden nach Haltungen zu grossen Lebensthemen wie
Humor, Heimat, Ehe, Tod oder Geld befragt. Wir erweitern diese motivische Reihe heute um den Begriff des Geschmacks.“ In: Frischknecht, Ruth / Villiger, Judit (2017): Begrüssung und Einführung. URL: https://blog.zhdk.ch/kidb/archive/tagung-2017/ [Stand: 13.11.17].