Liebe Andrea

erzähl uns doch zunächst etwas von dir.

Aufgewachsen bin ich im Aargauischen Spreitenbach. Nach der Matura in Wettingen, AG habe ich das Lehrerinnensemi in Zofingen, AG besucht und einige Jahre als Klassenlehrerin vor allem auf der Realschulstufe (Sek C) gearbeitet. Musik hat mich seit Kindesbeinen an begleitet und so habe ich schon früh bei musikalischen Projekten mitgemacht und später dann auch selber vor allem Chorprojekte geleitet und organisiert. Von 2009 – 2012 habe ich dann an der ZHdK studiert (Master SMII und Rhythmik/ Abschluss in Rhythmik). Das war eine sehr bereichernde Zeit und hat mich auf den richtigen beruflichen Weg gebracht. Seit meinem Abschluss 2012 beschäftige ich mich immer wieder auch intensiv mit Körperarbeit, Bewegung und Improvisation und habe diverse Weiterbildungen dazu besucht. Gerade eben, Anfang Juni dieses Jahres, habe ich das Level I des «Tamalpa Life Art Process» nach Anna & Daria Halprin in einer der europäischen Niederlassungen in Freiburg i. Br. abgeschlossen.

Wie beschreibst du deine künstlerisch-pädagogische Arbeit?

Das Zusammenspiel von Musik & Bewegung, sowie die somatische Ausrichtung dieser Felder faszinieren mich und so fliessen viele dieser Erfahrungen in meine Arbeit mit rein. Ich möchte die Menschen auf einer ganzheitlichen Ebene (Körper, Seele, Geist) begleiten und lege grossen Wert auf den individuellen Ausdruck, der aber unbedingt einem grösseren Ganzen dienen soll. Mein Fokus liegt im Gestalterischen, Künstlerischen, Performativen, in der Kreation und im Erzählen. Pädagogische Ziele definieren sich dann meist von selbst aus dem Arbeitsprozess mit einer Gruppe heraus. Woran ich aber mit allen Gruppen immer sehr bewusst und intensiv arbeite, ist die «Gruppenbewegung», bzw. der «Gruppenklang». Jede und jeder im eigenen Ausdruck formt «das Darzustellende», also das Objekt, mit und wird als Person zweitrangig.

Arbeitest du in freien Projekten und/oder an Institutionen?

Ich bin zum einen als Lehrerin für Musikalische Grundausbildung an einer öffentlichen Schule angestellt, zum anderen gestalte ich in meiner Werkstatt für Musik und Bewegung im Raum Baden (www.werkstatt-rotondo.ch) diverse Kurse und Angebote auf selbständiger Basis und kann für Musik- und Bewegungs-Projekte engagiert werden. Zurzeit betreue ich zwei Projekte. Ein A- Cappella- Weihnachtssingen mit Mitgliedern des Vertriebs – und Marketingmanagements einer Krankenversicherung in Zürich und ein «Musical» in Zusammenarbeit mit dem Sozialwerk HOPE in Baden.

Für das Musical bist du intensiv am Proben. Worum geht es? Was sind deine Aufgaben in diesem Projekt?

Im spendenbasierten Projekt des christlichen Sozialwerkes HOPE in Baden sind «die Menschen am Bahnhofplatz», ihre Sorgen, Nöte, Freuden, Wünsche und Hoffnungen im Fokus. Anhand der Lebensgeschichte der halbfiktiven Figur «Joe» sollen die Bevölkerung, aber auch Politik, Polizei, Verwaltungen und andere Behörden auf das Thema «Randständigkeit» sensibilisiert und zum Austausch angeregt werden.

Die von einem Erzähler vorgelesene Geschichte (geschrieben von HOPE – Mitarbeitenden, die die dargestellten Szenen mit ihren Klientinnen und Klienten alle so miterlebt haben) erzählt von «Joe’s» Absturz in die Obdach- und Arbeitslosigkeit, Drogen- und Alkoholsucht, sein Wieder-Aufrappeln und Hoffnung schöpfen, dem problematischen Umgang mit Ämtern und sein vorläufiges Ankommen in einem vom Sozialamt bezahlten Hotelzimmer, wo er wartet, bis es irgendwie wieder weitergeht.

Untermalt wird der Text von einem Schauspieler, der «Joe» pantomimisch nachzeichnet, von einem Chor, der die Aussagen bekräftigt, von Videoaufnahmen von Betroffenen, von einem Slam Poeten und einem Rapper, sowie von «Gassenleuten» (Ausdruck, der im HOPE auch verwendet wird), die selber geschriebene Lieder vortragen. Ein von einer HOPE – Mitarbeiterin gestaltetes Bühnenbild sorgt für eine stimmige Einbettung der Szenen.

Meine Aufgabe im Projekt ist neben der Leitung der seit Anfang April wöchentlich stattfindenden Chorprobe die Gesamt- Regie. So habe ich in Absprache mit Daniela Fleischmann, Geschäftsleiterin von HOPE und mit der künstlerischen Unterstützung des Schauspielers Tommi Zeuggin das Drehbuch für Schauspiel und Chor konzipiert und ausgearbeitet. Zudem habe ich die «Gassenleute» ins Tonstudio mitbegleitet, wo ein Toningenieur in der Nähe von Baden zu einem sehr sozialen Tarif professionelle Aufnahmen der Songs gemacht hat.

Was überrascht dich in der Zusammenarbeit mit den beteiligten Menschen?

Im «HOPE» – Chor singen verschiedene Menschen mit. Einerseits sind es Mitarbeitende und Gäste vom HOPE, andererseits ZuzügerInnen, die nach einem Aufruf in der Zeitung zu uns gestossen sind und auf irgendeine Art mit der Stadt Baden oder mit der Thematik verbunden sind. «Gassenleute» singen nicht mit im Chor. Einige der ChorsängerInnen sind IV- oder SozialhilfebezügerInnen, sind psychisch labil und nicht im ersten Arbeitsmarkt integrierbar.  Einzelne verkehren auch auf dem Bahnhofplatz. Kennen die Szene und sind – ähnlich wie Joe – auch schon betroffen gewesen von diversen Schwierigkeiten. Für viele waren die wöchentlichen Chorproben das Highlight der Woche! Ich war immer wieder sehr erfreut, wie offen und interessiert die meisten ChorsängerInnen meine Ideen bezüglich Bewegung und Ausdruck aufgenommen haben und versucht haben, sie umzusetzen. Ich habe gemerkt, dass es eine grosse Klarheit meinerseits braucht und dass auch mit Erwachsenen Disziplin nicht immer selbstverständlich ist. Als sehr positiv erachtete ich die stete Präsenz einer Sozialarbeiterin oder eines Sozialarbeiters in den Proben. Ich konnte mich so voll und ganz auf die musikalischen Anliegen konzentrieren und wiederum auch viel von Seiten der Sozialarbeit in punkto Abgrenzung und Verständnis gegenüber den Mitwirkenden lernen. Es gab vereinzelt auch Konflikte zu lösen und Herausforderungen mit den Teilnehmenden zu meistern. Da war ich froh um ihre Präsenz.

Die Gespräche mit den «Gassenleuten», die ihre selber geschriebenen Songs zeigen werden, waren zum Teil sehr berührend und tiefgründig. Ihre erlebten Geschichten zeugten von manchem Schicksalsschlag und stimmten mich nachdenklich. Einer der Musiker, seit 30 Jahren auf der Gasse in Baden, war sehr «fadegrad» und hat aber auch immer wieder betont, dass die Leute nicht nur Opfer seien und es eben auch wirklich solche gäbe, die auch gar nicht anders leben wollten … Die Offenheit hat mich überrascht, aber auch gefreut!

Inwieweit hat dich dein Rhythmik-Studium an der ZHdK auf solche Projekte vorbereitet?

Im Studium konnte ich im Rahmen des «Kunst und Kultur» – Projektes erfahren, worauf es bei einem ausserschulischen Projekt ankommt und wie ich so ein Projekt dokumentieren kann. Das hat mir sehr geholfen. Grundsätzlich arbeite ich immer nach dem «Arbeitsprinzip Rhythmik»; das Studium hat mir dazu ein Handwerk gezeigt, mit welchem ich so arbeiten kann, wie es für mich stimmig ist und welches ich noch immer erforsche, kennenlerne, ausprobiere und von welchem ich mich immer wieder aufs Neue überraschen lasse.

Welche Gedanken und Wünsche nimmst du aus diesem Projekt mit?

Bei diesem Projekt habe ich meine Stärken noch einmal ganz bewusst wahrgenommen. Alle Fäden zusammenhalten, den Überblick behalten, Räume organisieren, Geld auftreiben, Fachleute hinzuziehen, Fragen klären, die Presse einladen, Termine einhalten, Flyer gestalten (lassen), Bühnenbild malen, für den Pausensnack sorgen, etc. Alle diese Tätigkeiten gehören NICHT dazu. Was ich bei vergangenen Projekten häufig eben auch noch gemacht habe, übernahm das HOPE, allen voran die Geschäftsleiterin. Mein Kerngeschäft kam bei diesem Projekt sehr deutlich zum Vorschein: eine (Laien-) Gruppe musik- und bewegungspädagogisch dahin begleiten, dass sie auf einer Bühne auftreten kann und dabei die künstlerische Gesamtleitung, also die Regie/ Dramaturgie übernehmen. 

Nun wünsche ich mir eine Anstellung (im Monatslohn?), wo ich genau das machen darf. Mit wechselnden Zielgruppen, zu verschiedenen Themen in unterschiedlichen Kontexten.

Das wäre mein Traumjob.

Liebe Andrea, vielen Dank für das Interview und Toi Toi Toi für die Premiere des Musicals!