Lieber Andreas,

bitte erzähle zunächst etwas von dir.

Ich habe an der Jazzschule, damals noch an der lauschigen Waldmannstrasse, E-Bass studiert, arbeite heute als Schulmusiklehrer, gestalte in dieser Form und teilweise als Komponist oder Arrangeur grössere Projekte wie Musicals und Openairs mit, spiele in meiner Band The Sinful Saints Bass und stehe bei meinem Soloprojekt Andy F als Frontmann auf der Bühne. Trotzdem würde ich nicht von mir behaupten, es dreht sich alles in meinem Leben um Musik. Musik ist für mich auch heute noch, wo ich beruflich täglich von ihr umgeben bin, eine schöne Nebensache und eine Möglichkeit, Geschichten und Stimmungen auf ganz eigene Weise wiederzugeben. Wohl auch deswegen entstand mein Soloprojekt Andy F, bei der die Songtexte im Zentrum stehen und die Musik ihnen sowas wie den passenden Mantel gibt.

Du bist neben deiner Lehrtätigkeit als Musiker aktiv. Welches sind deine Stilrichtungen?

Die Andy F Band, die ich egozentrisch nach mir benannt habe, weil ich anfangs tatsächlich nur solo spielte, ist stilistisch vielleicht im Bereich Singer-/Songwriter anzusiedeln – wenn auch die englische Stilbezeichnung für Mundartmusik etwas absurd ist. Während ich mit den ersten Songs, die ich für Gitarre und Gesang komponierte, noch in die Mani-Matter-Schublade gedrückt wurde – eine hübsche Schublade – ist die musikalische Vielfalt mit der Bandgrösser geworden. Auf der kommenden zweiten Platte «Morbus Google» hört man teilweise meinen Jazzhintergrund, wie auch die Beinahe-Vergötterung von Tom Waits. Manche Songs, wie die Single Lette, sind wiederum eher poppig arrangiert.

Bei The Sinful Saints, anfänglich eine klassische Rockband, ist vieles elektronisch geworden. Mittlerweile klingt’s nach Stadionrock mit sehr viel Synthesizer-Beigemüse und ohne Stadionauftritten. Und nächstes Jahr kommt das erste komplett französische Album heraus.

Du hast einige Ausstellungen und Konzerte. Erzähl uns etwas darüber.

Wir haben vor knapp 2 Jahren mit der Produktion eines Knetanimationsvideos zum Song «Lette» begonnen. Mein Vater modellierte den oberen Letten, während ich mit einiger Unterstützung von Freunden und Familie 50 Hipsterlis aus Knete herstellte. Danach animierte und schnitt ich während einem halben Jahr in einer Garage in Höngg die verschiedenen Szenen. Im August kam das Video heraus. Während drei Wochenenden stellten wir das Modell am oberen Letten im Rahmen einer Sonderausstellung aus. Ende Oktober wird das Modell ein weiteres Mal im Rahmen der grafik18schweiz-Messe in Zürich Oerlikon zu sehen sein. Das Video findet man auf meiner Homepage und auf youtube. Auch im Oktober kommt das Album «Morbus Google» mit dem wunderschön verstörenden Coverartwork vom Zürcher Comiczeichner Andy Fischli heraus. Am 30. Oktober ist dann die Plattentaufe in der Hafenkneipe. 

Welchen Song würdest du zeigen, wenn jemand wissen möchte, welche Art Musik du machst?

Vielleicht «Züridate», weil ich ihn für sehr gelungen erachte und weil da Sprachspielereien geschehen, wie ich sie gerne mag. Und weil der Song permanent auf zwei Ebenen abläuft und trotzdem nur Nonsense ist.

Wie kombinierst du deine musikalische Aktivität mit deinem Lehrerberuf?

Das geht tiptop. Der Lehrerberuf gibt mir finanziell die Freiheit, künstlerisch kompromisslos das zu tun, was ich selbst für gut erachte. Das ist viel wert. Daneben lerne ich als Musiklehrer auch viel. Gerade im Bereich des Arrangierens verschiedenster Formationen sammle ich hier immer neue Erfahrungen, die mir auch als Künstler helfen. Die Kehrseite ist, dass die finanzielle Sicherheit auch fauler macht. Ich glaube, dass ich meine Projekte beharrlicher vorantreiben würde, wenn ich auf mehr Erfolg angewiesen wäre. Aber alles in allem bin ich sehr glücklich über diese entspannte Situation, die ich dank meiner Arbeit habe.

Was bedeutet dir die Arbeit als Musiklehrer?

Manchmal ist es einfach Arbeit, mühsam und streng. Aber es gibt viele tolle Momente, die diesen Job unglaublich schön machen und ich fühle mich privilegiert, ihn ausüben zu dürfen. Viele dieser Momente finden im Alltag statt, in Bandproben, beim Singen mit Klassen oder beim Unterrichten von Musikgeschichte. Die Highlights sind für mich aber meist Spezialprojekte, (Musicals mit über 100 Teilnehmern, Austauschprojekte mit russischen Musikschulklassen, Schulopenairs etc.) bei denen auch die Schülerinnen und Schüler aus ihrer alltäglichen Rolle herauskommen und auf der Bühne über sich hinauswachsen.

Welche Ziele hast du für die Zukunft

Ich bin gerade sehr zufrieden mit dem Jetzt und auch etwas erschöpft von der Arbeit am Knetvideoprojekt. Neue Pläne kommen bestimmt, im Moment habe ich aber mehr Lust, das gegenwärtig Entstandene zu geniessen.

Hast du ein musikalisches Vorbild?

Es gibt verschiedenste Musik, die ich grossartig finde. Ich denke aber nie beim Komponieren, ich möchte das jetzt so machen wie die oder der. Manchmal merke ich im Nachhinein, das klingt jetzt ein bisschen ähnlich wie eine bestehende Musik. Und dann ist das auch ok. Wenn man Mundart singt, kommt oft die Konfrontation mit Mani Matter. Ich habe aber nie bewusst an Mani Matter gedacht. Ein Stiller Has begeistert mich genauso. Weil meine Musik aber nie bluesig ist, hört man diese Inspirationsquelle kaum in meinen Songs. International bin ich, wie gesagt, grosser Fan von Tom Waits, Nick Cave finde ich toll, also die tiefen Männerstimmen meist. Als Gegenpol vielleicht noch The Weakerthans, von denen ich auch den Song «Wiedike» geklaut, respektive adaptiert habe. Und was neuere Künstlern angeht: Benjamin Clementine.

Hast du ein Lieblingszitat/Motto?

Nichts gegen Poesie. Die mag ich ja eigentlich … Aber ich empfinde kurze, vielsagende Lebensweisheiten fast immer als platt: Text braucht immer auch Kontext. Womit wohl schon eine solche Weisheit geäussert wäre …

Homepage: http://www.andyf.ch

 

Vielen Dank!

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